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Title : Hitlerjunge Schall: Die Tagebücher eines jungen Nationalsozialisten
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ISBN : 3423281057
ISBN13 : 978-3423281058
Format Type : Other Book
Language : Deutsch
Publisher : dtv Verlagsgesellschaft 23 September 2016
Number of Pages : 365 Pages
File Size : 869 KB
Status : Available For Download
Last checked : 21 Minutes ago!

Hitlerjunge Schall: Die Tagebücher eines jungen Nationalsozialisten Reviews

  • M. Lehmann-Pape
    2019-05-02 05:17

    Letztlich stellt der Inhalt des Buches eine fast einmalige Möglichkeit dar, sich in das Werden eines ganzen Denkgebäudes einzulesen, zu verstehen, welches Klima ab Mitte der zwanziger Jahre in Deutschland herrschte und wie es geschehen konnte, dass Menschen nicht nur „irgendwie“ Hitler als Politiker hinnahmen, sondern tatsächlich in der Breite der Bevölkerung mit Begeisterung, mit „heiligem Ernst“ sich der „Sache“ verschrieben haben.„10. Dezember 1930: Das NSDAP Programm ist im Haus“.Und im Vorfeld je kurze, knappe Tagebuchaufzeichnungen voller Begeisterung über das Sein in der Gruppe, die Wanderungen, die Zeltlager zunächst in einer Vereinigung der „Deutschen Freischar“, dann bald in der sich gründenden Hitlerjugend.Wobei es zunächst durchaus Verständnis beim Leser hervorruft, diese Freude an der Gemeinschaft, der Gruppe, dem Zelten, den Ausflügen, denn am Ort selbst, der kleinen Stadt, dürfte ansonsten für junge Menschen nicht viel Unterhaltung geboten worden sein.Und selbst die Anfänge der HJ, die „Wehrlager“, Aufmärsche mit der SA gemeinsam, die Fackelzüge, „Kneipen“, die Masse an Gleichgesinnten, zudem die politischen Schulungsveranstaltungen, die Vorträge vieler Politiker, all das ist dem Leser überaus verständlich, wenn man sich nur ein wenig in das junge Leben des Franz Albrecht Schall einfühlt.„Viel Begeisterung und geschäftiges Treiben. Am ersten Abend großartiger Fackelzug durch die Stadt“.In einem Kontext des nationalen Denkens. Bei allem pubertären Streit mit den Eltern, bei dem dennoch der Vater trotz intellektueller Distanz zu den groben Formen des Auftretens der „Braunhemden“ im Kern dennoch Sympathie hegt. Auch Teile der Korrespondenz des Vaters Schall mit dessen Schulfreund Hermann Hesse legt Postert mit vor und entfaltet so in den Kommentierungen, der Hinführung und der Zwischenbemerkungen nicht nur eine klare Darstellung von Franz Albrecht Schall, sondern auch der Atmosphäre der Zeit, dem nationalen Denken, der Begeisterung für einen „Helden“.„Hitler erscheint. Stürmische Heil-Rufe der gesamten versammelten SA brausen auf. Langsam geht er mit erhobener Hand die Böschung entlang. Ein tiefer Ernst liegt auf seinem Gesicht“.Inszenierung, „Rundum-Angebote“ für die Jugend, Gruppengefühl, Indoktrination, der Rausch der Masse, all das schildert Schall knapp, aber mit spürbarer Begeisterung. Die sich steigert und steigert für den Träger des „Ehrenzeichens in Gold“, der sich, im Verlauf seiner Aufzeichnung überdeutlich zu erkennen, von einem „verführten Jugendlichen“ in einen überzeugten, teils fanatischen Parteigänger entwickelt, der die Inhalte der Propaganda vom „Auserwählten Heilsbringer Hitler“ bis hin zum fanatischen Antisemitismus sich auf die Fahnen schreibt.Viel Informationen liefert Postert dabei zusätzlich. Kurze biographische Hinweise zu den vielfachen Personen, die Schall hört, trifft, die Einfluss nehmen, ausführliche Darlegungen zu den einzelnen Phasen der Entwicklung (Hineinkommen in die HJ, Parteigenosse werden, „erwachsen werden“ in der Partei, die Studienzeit in Jena.Als Lehrer an den „Adolf-Hitler-Schulen“ gibt Schall danach überzeugt weiter, was ihm selber umfassend und geschickt nahegebracht wurde. Woran auch die Inhaftierung des Vaters durch die Gestapo nichts ändern wird, die Familie hat sich längt über die politischen Fragen zertrennt, alle drei Söhne sind längst ganz und gar auf der Seite der „neuen Ordnung“.Da klingt es wie Hohn, wenn der Sohn schreibt: „Ich habe immer gehofft, dass Du Dich überzeugen ließest“ und mit „Heil Hitler!“ den Brief ins Gefängnis an den Vater abschließt.Ein intensives Zeitdokument, dass von den Anfängen an eine innere Entwicklung sorgfältig nachzeichnet und kommentiert, die wie ein Paradebeispiel für die innere Atmosphäre zwischen 1928 und 1945 vor Augen steht. Inklusive einer „Nachlese“ über das „schnelle (Um-) Orientieren im Deutschland nach dem Krieg. Bis hin zu den Schwierigkeiten der inneren Annäherung mit seinem eigenen Sohn. Eine Zeit, die Postert ebenso sorgfältig zusammenfasst, wie er das gesamte Buch kommentierend begleitet und damit auch einen detaillierten Abriss der Geschichte der HJ vorlegt.Eine sehr zu empfehlende, intensive Lektüre.

  • KJJ
    2019-05-21 03:27

    Ist als Geschenk für eine 19-Jährige sehr gut angekommen.Es traten immer wieder Fragen hinsichtlich der Geschichte 33 -45 auf.Dieses Buch schildert mit einfachen Worten, wie man damals immer tiefer in den Sog von Gleichschaltung und Verblendung geriet.Sollte in jedem Geschichtsunterricht der allgemein-bildenden Schulen gelesen und aufgearbeitet werden.

  • Thomas Andreas Vogel
    2019-04-27 22:10

    Das Buch hat mich von der ersten Seite an fasziniert. Wo bekommt man schon einmal einen so subjektiven Einblick in die Gedankenwelt eines Hitlerjungen. Die Begeisterung für eine politische Bewegung, die Begeisterung für die Natur, Kameradschaft und Einsatz. Leider endet das Buch mit den Tagebucheintragungen 1935, denn mich hätten sehr die Einträge aus der Studienzeit interessiert und ich hätte sehr gerne mehr über seine so hart erkämpfte Arbeit als Erzieher in Sonthofen gewußt, die er erreichte trotz Widerwillens und ohne Unterstützung seines Vaters. Einige Kommentare hätte sich der Autor Andre Postert sparen können denn sie entsprechen wohl eher der heute üblichen political correctness. Man sollte sich nur auf die direkten Tagebucheinträge von Franz Albrecht Schall konzentrieren um einen ungefärbten Eindruck der damaligen Zeit zu bekommen. Ich hoffe auf eine Fortsetzung 1935 - 1945.

  • Dennis Schütze
    2019-04-23 22:30

    André Postert ist promovierter Historiker und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hannah-Arendt-Institut in Dresden. Aktuell beschäftigt er sich mit Jugend und Hitlerjugend im Nationalsozialismus und hat dazu die umfangreiche Schrift „Hitlerjunge Schall“ bei dtv veröffentlicht.Es geht darin um die Tagebücher des bekennenden Nationalsozialisten Franz Albrecht Schall, einem thüringerischen jungen Mann aus gutbürgerlichem Hause, der zusammen mit seinen zwei Brüdern und gegen den erklärten Willen seiner Eltern starke Sympathien für die nationalsozialistische Bewegung entwickelt. 1925 wurde Schall Pfadfinder, 1930 trat er in die Hitlerjugend ein und 1932 wurde er Mitglied der NSDAP. Das Besondere an diesem Fall: Von 1928 bis 1935 führt der junge Abiturient, Lehrling und spätere Student akribisch Tagebuch über seine Erlebnisse und dokumentiert damit insbesondere seine persönliche, aber auch die gesellschafts-ideologische Entwicklung in Deutschland in der ersten Hälfte der 1930er Jahre. Nahezu täglich berichtet er von Ausflügen, HJ-Treffen, Kameradschaftsabenden, Kundgebungen, Parteitreffen und was diese Erlebnisse in ihm auslösten. So gewähren die Aufzeichnungen einen einzigartigen Blick in die ideologische Verblendung einer gebildeten und an sich liberal und tolerant erzogenen Einzelperson aus besserem Hause.Schall hat seine Aufzeichnungen noch Ende der 1930er Jahre reingeschrieben und einem Professor des Psychologischen Instituts an der Universität Jena als Dokumente überlassen. Während die Originale in der Kriegszeit auf unbekannte Weise verloren gingen, blieben die Abschriften per Zufall erhalten und fanden nach einigen Zwischenstationen im Jahr 1966 den Weg zurück zu ihrem Urheber.Der deutsche Geschichtsforscher Postert hat diese Aufzeichnungen gesichtet und sortiert. In seinem Buch ordnet er sie in den zeitgeschichtlichen Kontext, erklärt und bewertet einzelne Passagen und macht somit die Schrift für den Leser deutlich zugänglicher. In der Einleitung wird die Provenienz dargelegt, die Vorgeschichte der Hitlerjugend erklärt und der allgemeine Wert persönlicher Tagebücher als historische Dokumente reflektiert. Postert teilt die von den Tagebüchern abgedeckte Zeit in sechs sinnvolle Abschnitte und Entwicklungsphasen. Sie reichen von „junger Aktivist“ (1931), über „Parteigenosse“ (1932), über „Hitlerjunge in der Diktatur“ (1933), bis zu „sogenannter Erwachsener“ (1934) und „Student“ (1935).Posterts Beitrag ist wertvoll, denn Schalls Schrift alleine ist auf Dauer zwar lebendig, doch letztlich auch arg repetitiv und wegen der ideologischen Färbung immer wieder zäh. Schall schreibt allerdings nüchtern und keinesfalls hetzend oder aggressiv. Der knallharte Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Utopie und der allseits bekannten brutalen Wirklichkeit macht die erstmals veröffentlichte Niederschrift der Erlebnisse, so wie sie sich für ihn dargestellt haben, im kritischen Rückblick eben doch interessant.Im letzten Abschnitt des Buches fasst Postert die weiteren Lebensstationen Schalls dankenswerterweise zusammen und so ergibt sich ein halbwegs geschlossenes Bild. Schall arbeitete in den späten 1930ern als anerkannter Lehrer in einer Adolf-Hitler-Schule, überlebte den Krieg größtenteils unbeschadet und arbeitete danach weiterhin als Werklehrer. Er starb im Jahr 2001 im hohen Alter von 88 Jahren. Bis zum Ende seines langen Lebens war Schall überzeugt, Teil einer Jugendbewegung mit hohen Idealen gewesen zu sein, die von dem Despoten Hitler und seinen Helfershelfern verraten wurde.Fazit: Dicke Empfehlung für Leser, die authentische Einblicke in die persönliche Entwicklung eines überzeugten ideologischen Mitläufers des Nazi-Regimes nehmen wollen. André Postert hat dabei hervorragende Arbeit geleistet. Seine Kommentare sind präzise und auf den Punkt, nie unnötig ausschweifend oder betont akademisch. Schön, wenn wissenschaftliche Forschung einen so offensichtlichen Erkenntnisgewinn generiert.